Das Ende vom Anfang

Meine erste und auch längste Fahrradtour habe ich immer als die Reise von der Antarktis in die Arktis bezeichnet. Ich hatte diese Tour nie geplant, nie recherchiert, sie ist, wie so viele Dinge im Leben einfach entstanden. Viel wichtiger als diese Tour war die Idee ein Fahrrad als Vehikel zu benützen. Der erste Blick auf ein bepacktes Tourenrad hat in meinem Kopf den Knopf, oder wenn man so will den Auslöser zum Tourenfahren mit dem Fahrrad ausgelöst. Was dann kam, ist seit 40 Jahren und 493.000 geradelten Kilometern meine Lebensgeschichte.

Während den ersten 10.000 km durch Australien und Neuseeland war ich oft verzweifelt, frustriert und ich verfluchte mich selbst diesen Knopf im Kopf gedrückt zu haben. Das Ende meiner Fahrradtour schien mir zu Beginn meiner Touren realistischer und viel näher als das Tagesziel.

Was mir sicherlich geholfen hat die Kinderkrankheiten des Tourenfahrens zu heilen, waren meine Rucksackreisen durch Indien und Asien. Während diesen Reisen habe ich gelernt chaotische Situationen zu meistern indem man Ruhe bewahrt um den Gedanken die Möglichkeit zu geben Geschehnisse einzuordnen und den nächsten Schritt zu überlegen. Diese Phasen wurden während meiner ersten Fahrradtour 1977 durch Australien und Neuseeland der Wendepunkt um überhaupt weiter zu machen. Es entstand dieser herrliche Dialog zwischen mir und dem anderen ich. Ich kam immer wieder zum selben Punkt und der hiess: Ich muss diese Fahrratour nicht machen ich will das Fahrrad als Vehikel nützen. Daraufhin folgte die einleuchtendste Sache der Welt…, weitertreten. Gründe zum Aufgeben waren ausreichend vorhanden. Kälte, Wind, Steigungen, Regen, Verkehr, Muskelkrämpfe, Sitzprobleme und vieles mehr. Wenn es gar nicht mehr ging, legte ich einfach eine kurze Rastphase ein. Nach 2 bis 3 Tagen vermisste ich die wunderschönen Erlebnisse die ich mit und auf dem Fahrrad erleben durfte und ich entdeckte, dass das Fahrrad nicht nur mein Transportmittel war sondern auch ein schweigender Freund.

Als gelernter Konditor mit Berufserfahrung hatte ich immer wieder das Glück, dann einen Job zu bekommen wenn meine Reisefinanzen dem Ende zugingen. Nach tausenden Kilometern und vielen hilfsbereiten Menschen, entwickelte ich meine eigene Strategie als Fahrradnomade meinen Lebensunterhalt zu generieren. Saisonbedingte Arbeitsplätze in Hotels standen bei mir ganz oben auf der Wunschliste. Diese Arbeitsplätze boten Unterkunft und Verpflegung sowie ein garantiertes Einkommen für 4 bis 5 Monate. Für diesen Zeitraum war ich aufgehoben und die Fahrradtour wurde vorübergehend aufgeschoben. In diesem Zeitraum verdiente ich ausreichend um die nächsten 7 Monate unterwegs sein zu können. Dadurch wurde mir bewusst, dass sich Beruf, Freizeit und das Tourenfahren sehr gut ergänzen. Ein Leben als Fernradfahrer hatte ich nie geplant doch war es schön die Möglichkeit am Schopf zu packen und das Beste aus dieser Situation zu machen. Sponsoren waren zu diesem Zeitpunkt kein Thema. Meine Zeitgenossen arbeiteten um Haus und Hof zu erwirtschaften, ich entschloss mich nach den ersten 2 Jahren als Fernradfahrer das Nomadenleben immer besser zu gestalten. Ich wollte Freiheit, das Abenteuer, andere Länder, Menschen und Kulturen sehen, erleben und geniessen. Am Anfang meiner Radtouren schien das Ende meines Traumes vom Radfahren in vielen Situationen greifbar nahe zu sein. Rückblickend sehe ich heute die damaligen Situationen aus einer ganz anderen Perspektive. Die ersten 10.000 km mit dem Rad waren meine Lehrzeit. Das Radfahren und die damit verbundenen negativen aber auch die positiven Erlebnisse waren ein wichtiger Teil meines Lebens um auf den Strassen der Welt meinen Pfad nach Innen, also zu mir selbst zu entdecken. Mit jedem Kilometer und jedem Tag unterwegs rückte das Ende der Anfangswehwehchen weiter in die Ferne und ein angenehmes Gefühl meines Nomadenlebens ersetzte den täglichen Arbeitsrythmus des Konditors im Hotel oder in einer Konditorei. Nach 10.000km auf dem Fahrrad wurde mir bewusst, dass ich mein Leben auf eine ganz andere Schiene setzen werde. Zu leben wie Otto Normalbürger war nie mein Traum. Ich wollte raus und draussen leben. Reisen, Sehen, Fühlen in und mit der Natur zu leben. Irgendwie ist mir dies auch geglückt.

Tilmann Waldthaler, Cairns, September 2018