Die Ozean zu Ozean Fahrradtour

Adelaide to Perth 3. Teil 

Nachdem ich Anfang November 2019 vom zweiten Teil der Tour zuhause angekommen bin, haben wir uns während der Regenzeit überlegt wie es  im März 2020 mit dem letzten und dritten Abschnitt der Tour von Adelaide nach Perth weitergehen wird. Die Regenzeit in den Tropen Australiens beginnt im November und dauert bis Ende April und es ist vorteilhaft diese regennasse und windige Saison zuhause auszusitzen. Wirbelstürme sind in Australien bekannt als unbeliebte Zerstörer der Natur und sie haben in vergangenen Jahren sehr grosse Schäden angerichtet. Wir leben seit 2003 permanent in Cairns und das tropische Klima bringt mehr Vor als Nachteile mit sich. Im Süden Australiens gibt es natürlich die üblichen 4 Jahreszeiten und wir wollten noch vor den kalten Wintermonaten im Süden die Tour beenden.
Am 8. März 2020 waren wir mit dem Flugzeug von Cairns nach Adelaide unterwegs um von dort die lange Strecke durch die Nullarbor in Westaustralien in Angriff zu nehmen. Renate und unser Freund Remy Lanz wollten die Nullarbor Wüste schon immer mit dem Fahrrad durchqueren. Die Zeit war nun für Beide gekommen diesen Wunsch umzusetzen. Renate hat seit 2016 ca. 35.000km in den Beinen und ist eine starke Tourenfahrerin geworden. Ich kenne Remy von anderen Touren die wir hier in Australien gemeinsam unternommen hatten. Remy ist ein sehr selbstständiger und angenehmer Reisepartner und auch ein starker Radfahrer.  
Bei jeder Tour brauche ich immer einige Tage bis ich einen für mich angenehmen Rythmus gefunden habe. Das Umfeld und die Umwelt, die Technik und meine Mentalität haben sich seit meiner allerersten Fahrradtour von Darwin nach Sydney im Oktober 1977 drastisch verändert. Viele Begegnungen und Erlebnisse haben mir das Leben von anderen Kulturen und Menschen näher gebracht. Dadurch habe ich einen Einblick erhalten, der mir einen erweiterten Ausblick in die Welt gegeben hat. Die Wüstengebiete der Erde sind ideale Plätze dieses Kopfkino immer wieder erleben zu dürfen.

© 2020 Tilmann Waldthaler
Die Strasse durch die Nullarbor Plains führt ja nicht an riesigen Sanddünen vorbei. Die Landschaft ist eher mit einer Steppe zu vergleichen die teilweise über ein leicht erhöhtes steiniges Plateau führt. Die Strasse zwischen Port Augusta und dem 1700 km weiter westlich gelegenen Ort Norseman nennt man den Eyre Highway. Entlang dieser Strecke gibt es kleine Ortschaften und Tankstellen die man als Radfahrer irgendwie als willkommene Oasen bezeichnen könnte. Wir waren sehr gut vorbereitet. Der Wasserbedarf von ca. 6 Liter pro Tag musste täglich erneuert werden. Die Übernachtungen gestalteten wir aus einer Kombination von Motel, Zelt und Campingplätzen.
Die Staatsgrenze zwischen Westaustralien und Südaustralien verläuft durch den Ort “Border Village”. Bei unserer Ankunft am 21. März erfuhren wir, dass die westaustralische Regierung in den nächsten Tagen die Grenzen zu den anderen “Bundesländern” schliessen wird. Gleichzeitig wird ein Aus und Einreiseverbot wegen Corona Virus für unbestimmte Zeit in Kraft treten. Eine Bewilligung Westaustralien zu verlassen oder einzureisen wird nur Notdiensten, Arbeitern und Menschen erteilt die sich auf dem Weg nach Hause befinden. Allen Reisenden wurde empfohlen Westaustralien so schnell wie möglich zu verlassen. Also rundum keine positiven Nachrichten.  
Wir hatten uns vor der Reise einige Szenarien und Notsituationen überlegt und besprochen, doch die Corona Variante war zu Beginn der Reise im März 2020 kein Thema. Plötzlich hatten wir aber einen unsichtbaren Feind mit schrecklichen Folgen vor Augen und wir waren noch 1400km vom Ziel unserer Reise entfernt. Die westaustralische Grenze wurde in der Tat bereits nach 48 Stunden geschlossen. Die Strasse verwandelte sich in eine Rennstrecke. Plötzlich wollten alle Touristen lieber zuhause sein als die Ruhe in der Wüste zu geniessen. Es war uns viel zu gefährlich mit den Rädern unterwegs zu sein. Zu all dem Übel gesellte sich auch noch ein windiger und verregneter Tag. Das Chaos war perfekt.  
In den Wüstengebieten der Nullarbor fühlten wir uns sicher. Momentan gab es für uns nur eine, sinnvolle Lösung. Ruhe zu bewahren und nach einem wohlverdienten Rasttag in einem Motel unsere Tour in Richtung Perth mit den Rädern fortzusetzen. Wir waren noch eine gute Woche von Norseman, dem kleinen Dorf am Ende des Eyre Highways entfernt. Wir benützten die noch offenen Raststätten, Tankstellen und Campingplätze bis zu unserer Ankunft in Norseman. Das Coronavirus raste jetzt mit enormer Geschwindigkeit durch Italien und Spanien. Während unserer Fahrradtour durch die Wüste in Australien schien diese Geschichte mehr ein Albtraum als Realität zu sein. Auf den Bildschirmen in den Raststätten huschten Sience Fiction ähnliche Gestalten über die Monitoren. Die Bilder aus den Krankenhäusern hätte man mit wissenschaftlichen Labors vergleichen können. Eine nie endende Anzahl  Flaschen, Schläuchen, Masken, Schutzbekleidung, Beatmungsgeräten und was es eben braucht um Menschen das Leben zu erhalten. Die Medien verbreiteten negative Nachrichten von vielen Toten und Massengräbern in Europa.

© 2020 Tilmann Waldthaler
Die Corona bedingten Sperren und Polizeikontrollen in Westaustralien waren für uns ein Novum welches wir noch nie erlebten. Neue Schilder und Warnungen klebten an den Eingängen zu den Rasstätten. “Please use Handsanitiser, Social Distancing 1,5 m, Take away food only, Cough in your elbow, load down the Corona App, wash your hands”. Diese Schilder waren uns fremd. Für australische Verhältnisse mitten in der Wüste  absurd und irgendwie unverständlich.  In Norseman war dann plötzlich Schluss mit dem Radfahren.
Die Polizei war sehr hilfsbereit und empfohl uns mit einem Linienbus so schnell wie möglich in das 200 km entfernte Kalgoorlie zu fahren um von  dort mit dem “Indian-Pacific” Zug nach Perth zu schaukeln. War alles gut gemeint doch hat es dann doch nicht funktioniert. Der Zug hatte keine Möglichkeit Fahrräder zu transportieren. Unser Problem binnen 48 Stunden nach Perth zu gelangen war mit dieser Irrfahrt noch lange nicht behoben. Jetzt ging es erst richtig los. Ein Linienbus mit 3 Radfahrern 3 Fahrrädern und 12 Panniers brachte uns von Kalgoorlie nach Esperance im Süden von Westaustralien und von dort in das 600 km entfernte Perth. Wir konnten uns über Platzmangel nicht beklagen, wir waren die einzigen Fahrgäste auf der 1300km langen Strecke von Norsemann nach Kalgoorlie und wieder zurück nach Norseman, Esperance und von dort nach Perth. Bei unserer Ankunft in Perth waren wir im wahrsten Sinn des Wortes von der langen Fahrt “gerädert”.
Nicht weit vom Busbahnhof entfernt fanden wir ein grosses Hotel. An der Rezeption eine Frau die mit einem Schmunzeln nach unserer Herkunft fragte.  
"Wir hätten gerne 2 Zimmer für eine, eventuell zwei Nächte und wir haben Räder die wir, wenn möglich mit ins Zimmer nehmen möchten!”
Alles kein Problem antwortete die Frau an der Rezeption.  
Wir haben 36 Zimmer, doch wegen der Coronakrise sind fast alle Zimmer leer. Unsere Gäste haben das Hotel verlassen. Ich kann Euch 2 Zimmer mit Frühstück zum Sonderpreis anbieten und die Räder könnt ihr auch in die Zimmer mitnehmen.
Wo kommt ihr denn her und wo wollt ihr denn hin war ihre spontane Frage? Wir sind von Adelaide nach Perth mit den Rädern unterwegs gewesen und möchten jetzt von Perth nach Cairns fliegen. Wir wohnen dort, dies scheint aber problematisch zu werden wegen der Coronakrise.
Dazu kam ihre nüchterne und sehr profesionelle Antwort. Ich habe 4 Jahre für eine Reiseagentur gearbeitet meinte die Dame an der Rezeption und ich kann, wenn ihr wollt gleich von hier aus eine Reservation für Euch mit einer Fluggesellschaft machen. Von Perth nach Cairns via Brisbane. Alles kein Problem. Wann wollt ihr fliegen morgen oder übermorgen.  
Wir wollten es zuerst gar nicht glauben, für uns war dies wie ein Weihnachtsgeschenk. Am nächsten Tag packten wir unsere Räder und die Ausrüstung für den Flug, stopften alles in ein Taxi und fuhren zum Flughafen in Perth.
Während meiner vielen Reisen hat es ja öfters Situationen gegeben bei welchen ich auf Hilfe anderer Menschen angewiesen war. Meistens habe ich festgestellt, dass Menschen in Notsituationen gerne helfen. Am Ende des Tages ist jede Reise immer wieder ein neues Erlebnis mit Menschen die einem von ihrem Platz, Ort und Land ein positives Bild mitgeben möchten. Sehr oft ist ein Lachen, einige netten Worte und ein Blick in die Augen aber auch eine Gefälligkeit mehr wert als ein bunter Geldschein.
Die Fahrt der gesamten Tour war für mich trotz der negativen Punkte ein wunderbares Abenteuer. Dadurch hatte ich die Möglichkeit selbst nach 42 Jahren Radfahren auf diesem Erdball immer noch die Erde leuchten zu sehen.